Warum verdrängte Gefühle krank machen – und wie du sie auflöst

Frau am Schreibtisch
Vielleicht kennst du das: Du liegst abends im Bett, willst zur Ruhe kommen – aber dein Kopf hämmert, dein Herz schlägt schneller, und du wälzt die gleichen Gedanken immer wieder. Oder du hast dich tagsüber beherrscht, die Wut runtergeschluckt – und abends sitzt sie dir als Spannung im Nacken. Gefühle, die wir nicht zulassen, verschwinden nicht einfach. Sie bleiben. Sie setzen sich im Körper fest.

Verdrängte Gefühle sind wie Gäste, die du nicht einlädst, die aber trotzdem nicht gehen. Sie fordern ihren Platz, egal ob du willst oder nicht.
Und irgendwann klopfen sie nicht mehr nur leise an – sie machen sich bemerkbar. Mit Kopfschmerzen, mit Schlaflosigkeit, mit Herzrasen, mit einer inneren Unruhe, die dich nicht mehr loslässt.
Oder, wenn du nur lange genug wartest, sogar als chronische Krankheiten.

Die gute Nachricht: Gefühle sind nicht dein Feind. Sie wollen nur eins – gefühlt werden.

Warum wir Gefühle verdrängen

Dass wir Gefühle wegschieben, hat zwei Hauptgründe.

Der erste ist offensichtlich: Negative Gefühle tun weh. Angst, Scham, Trauer, Wut – sie lösen Stress in uns aus, bringen unser Nervensystem in Alarm. Alles in uns will so schnell wie möglich wieder raus aus diesem Zustand.

Der zweite Grund liegt tiefer: Niemand hat uns beigebracht, mit solchen Gefühlen umzugehen.
In der Schule lernst du Formeln, aber niemand sagt dir: „Fühl den Schmerz, bis er nachlässt.“
Stattdessen hören wir Sprüche wie: „Reiß dich zusammen“, „Sei nicht so empfindlich“, „Männer weinen nicht“, oder „Denk positiv“.
Das Ergebnis: Wir lernen, unangenehme Gefühle zu vermeiden. Doch dadurch gehen sie nicht ,weg‘.

Wenn Gefühle sich im Körper festsetzen

Gefühle sind Energie. Und wenn sie keinen Ausdruck finden, suchen sie sich einen anderen Weg. Vielleicht erkennst du dich in einem dieser Beispiele wieder:

  • Nach einem Streit drückt es dir den Magen zusammen, obwohl du längst aufgehört hast zu diskutieren.
  • Du schluckst deine Wut herunter – und ein paar Stunden später spannt dein Nacken so sehr, dass du kaum den Kopf drehen kannst.
  • Du spielst vor anderen den Starken, aber nachts liegst du wach, dein Herz rast, und du fragst dich: „Warum ich?“
  • Oder es gibt gar keinen konkreten Anlass, aber du hast seit Monaten, vielleicht seit Jahren, Magenschmerzen, Rückenschmerzen, Dauerräuspern, diffuse Ängste oder andere Symptome.

Medizinisch spricht man hier von psychosomatischen Symptomen – also körperlichen Beschwerden, die durch seelischen Stress entstehen. Verdrängte Gefühle können sich zeigen als:

  • chronische Kopfschmerzen oder Migräne
  • Muskelverspannungen in Nacken, Rücken oder Kiefer
  • Herzrasen oder Engegefühl in der Brust
  • Schlafstörungen oder dauerhafte innere Unruhe
  • wiederkehrende Magen- oder Verdauungsbeschwerden
  • und so weiter, und so weiter.

Das bedeutet nicht, dass jedes Symptom automatisch von verdrängten Gefühlen kommt. Natürlich solltest du körperliche Beschwerden immer ärztlich abklären lassen.
Aber wenn du keine klare Diagnose, sondern nur Medikamente gegen die Beschwerden bekommst, dann lohnt sich ein Blick nach innen.

Warum Weinen oder Ablenken nicht reicht

Fast jeder hat seine eigenen Strategien, mit ungewünschten und schmerzhaften Gefühlen umzugehen:
Ablenkung, Sport, Alkohol, sich in Arbeit stürzen, weinen.

Weinen ist dabei noch der konstruktivste Umgang. Aber Weinen löst ein Gefühl nicht vollständig.
Esist ein Ventil und macht Schmerz kurzfristig erträglicher.
Aber oft landen wir dabei auch im Selbstmitleid und drehen uns noch tiefer in Gedanken wie: „Warum ich? Warum immer wieder…?“
Und genau das macht (nur!) Weinen eher kontraproduktiv.

Ablenkung hilft nur so lange, bis das Gefühl das nächste Mal stärker an die Tür klopft.
Es ist wie ein Topf, in dem Wasser kocht. Du kannst den Deckel draufdrücken – aber irgendwann steigt der Druck, bis es überläuft.

Der Unterschied zwischen Fühlen und Verdrängen

Fürchtest du: „Wenn ich den Schmerz zulasse, zerreißt er mich. Ich halte das nicht aus!“
Und hast du dich mal gefragt, woher dieser Glaube kommt?

Denn die Erfahrung – und auch meine Erfahrung – zeigt: Der Schmerz, wenn du ihn wirklich fühlst, ist meist weniger schlimm als die Angst vor dem Schmerz.

Das Verdrängen macht krank, nicht das Fühlen.
Der Körper und das Nervensystem bleiben angespannt, solange du dich gegen das Gefühl wehrst.
Lässt du es zu, löst sich die Spannung oft schneller, als du denkst.


Übung: So fühlst du deine ungewünschten Gefühle

Wenn du ein Gefühl spürst, das du am liebsten sofort loswerden willst, probiere diese Übung.
Sie kostet nichts, nur deine Zeit und deine Ehrlichkeit.

Stelle sicher, dass du mindestens 30 Minuten ungestört bist.

Setz dich aufrecht auf einen Stuhl. Die Füße stehen fest auf dem Boden, die Hände liegen locker auf den Oberschenkeln.
Atme tief ein und aus. Spüre deinen Körper.

Wo zieht, drückt oder krampft es?

Bleib bei genau dieser Stelle. Schau das Gefühl innerlich an – ohne Urteil, ohne es weg haben zu wollen. Atme hinein.
Analysiere nicht, erkläre nicht.

Schau dir das Gefühl einfach neugierig an, wie einen interessanten Gegenstand, den du noch nie zuvor gesehen hast.

Tipp: Wenn dein Kopf keine Ruhe gibt und analysieren oder kontrollieren will: Bleib bei jedem Einatmen beim Gefühl, beim Ausatmen denke zum Beispiel: „Ich bin hier.“ Das beschäftigt deinen Kopf.
Experimentiere, was für dich funktioniert.

Deine Aufgabe ist nicht, das Gefühl wegzumachen.
Deine Aufgabe ist, es einfach zu beobachten.
Wie fühlt es sich an? Wird es stärker oder schwächer? Bleibt es, wandert es?
Manchmal verändert sich etwas: ein Kribbeln, Gähnen, Wärme im Körper. Manchmal auch nicht. Beides ist in Ordnung.

Bleib so lange, bis das Gefühl schwächer wird oder sich auflöst. Dann atme tief durch, strecke dich, beende die Übung. Wenn du magst, schreib auf, was du erlebt hast.

Und falls du ein altes Thema hast – Liebeskummer, Ablehnung, Kritik, die dich seit Jahren begleitet – dann kannst du es bewusst triggern: Schreib zehn Minuten lang alles runter, was unfair war, ohne Zensur, roh und ehrlich.
Dann mach diese Übung und gehe in deinen Körper. Fühle, was hochkommt.


Was, wenn das Gefühl bleibt?

Manche Gefühle sitzen tief. Sie haben sich über Jahre oder Jahrzehnte festgesetzt. Wenn du das Gefühl hast, nicht weiterzukommen, sei geduldig. Gefühle sind wie alte Bekannte – manchmal brauchen sie Zeit, bis sie die Tür finden.

Du kannst bei dieser Übung nichts falsch machen. Alles ist besser, als „nicht zu fühlen“.

Wiederhole die Übung jedes Mal, wenn sich ein unerwünschtes Gefühl zeigt. Oder wenn du selber bereit bist, Zeit und Ruhe hast, und dich bewusst auf die Übung einlassen willst.
Diese Übung kannst du so oft wiederholen, wie du willst.
Wichtig ist, dass du immer ohne Erwartung an die Übungen herangehst. Jede Übung ist anders.

Gefühle wollen gefühlt werden, nicht nur die schönen, auch die schmerzhaften.

Ich habe überlegt, wie ich diesen Blogbeitrag schreiben soll. Denn ich spreche auch hier über meine eigenen Erfahrungen und suche dabei die Balance zwischen Hilfe und Denkanstöße geben, ohne meine private Geschichte ins Internet zu stellen. Ich hoffe, dass dieser Artikel und die Übungen dir helfen werden, wie sie mir helfen.

Und ich finde – wie bei vielen Dingen – dieses Thema sollte ein Pflichtkurs in jeder Grundschule sein!



Gefühle zu verdrängen ist wie ein Kredit, den du irgendwann mit Zinsen zurückbezahlst.
Der Körper erinnert dich gnadenlos so lange, bis du hinsiehst.




Wenn du lernen willst, wie du deine Gefühle besser verstehen und verarbeiten kannst, schau dir Wendepunkt an.
Ich habe verschiedene Programme für verschiedene Menschen entwickelt. Hier findest du einen urteilsfreien Raum, um ehrlich hinzuschauen, dich besser zu verstehen – und deine Wahrheit zu finden.

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